Ein Almsommer

June 5, 2017

 

Diesen Sommer sind es zehn Jahre, dass eine andere Anna und ich die Hemmersuppenalm bewirtschaftet haben. Ein Sommer fernab von dem, was die meisten Menschen wohl als Luxus bezeichnen würden. Doch kein Geld der Welt wiegt diese Erinnerungen auf.

 

Abi in der Tasche. Der Almsommer kann beginnen.

Wie kommt man auf die Idee nach dem Abi eine Alm in Bayern zu bewirtschaften? Work and travel nach Neuseeland oder als Au-Pair nach Australien wie viele andere der Stufe wollte ich nicht. Den ganzen Sommer am See auf den Studienbeginn zu warten wäre eine Option, aber irgendwie nicht ganz mein Ding. Also schrieb ich kurzerhand dem bayrischen Landwirtschaftsamt in Traunstein. Hier wird eine Art Vermittlungsliste zwischen Bauern mit Alm, die sie selbst nicht bewirtschaften können/wollen und Leuten, die diesen Job gerne übernehmen möchten geführt.

 

Wenige Wochen später hatte ich eine Alm: die Hemmersuppenalm. Und da ich diese nicht ganz alleine führen wollte war ich froh, dass eine Freundin ohne lange nachzudenken mitkommen wollte.

 

20 Stück Jungvieh, eine Mutterkuh-Herde und drei Pferde

Die Hemmersuppenalm, genauer der Sulzner Kaser liegt oberhalb von Reit im Winkl nahe der österreichischen Grenze. Gemolken wird hier schon lange nicht mehr, aber jedes Jahr werden etwa 100 Stück Jungvieh auf die Alm getrieben. 20 davon befanden sich ab sofort unter unserer Obhut. Die anderen 80 betreute Erwin, der etwa 15 Minuten von unserer Hütte wohnte. Ein paar Mütterkühe, vier davon trächtig und drei Pferde waren ausserdem unter unseren Schützlingen.

Keiner von uns hatte besonders viel Ahnung von Landwirtschaft, aber der erfahrene Senner Erwin half uns hier und da und zur Not gab es ein Telefon, um den Bauern anzurufen.

 

Darth Vader, Henri und Fielmann

Nach einer Woche kannten wir unsere Kühe und gaben ihnen Namen. Einige davon sind mir heute noch in lebhafter Erinnerung. Darth Vader, zum Beispiel. Eine ältere Kuh mit Atembeschwerden oder Asthma – zumindest atmete sie besonders laut, was ihr den Namen einbrachte. Henri und Fielmann waren zwei Ochsen. Henri hatte eine Zeichnung, ähnlich einer Maske im Gesicht. Deshalb der Name Henri (Maske). Fielmann – ohne Werbung machen zu wollen – hatte eine dunkle Zeichnung, ähnlich einer Brille um die Augen. Ein jüngerer Ochse, wir nannten ihn Snoopy, war immer mal wieder einige Tage mit einer anderen Herde unterwegs. Je nachdem wo er gerade eine Freundin hatte.

 

Alm-Alltag

 

Eine Konstante gab es immer: Die erste Runde morgens um 6 Uhr, um nach dem Wohlergehen aller Braungescheckten Vierbeiner zu schauen. Je nach Wetter heizten wir davor den Herd noch ein, um es beim Frühstück schön warm zu haben. Die meiste Zeit war das aber nicht nötig und das Frühstück konnte bei Sonnenschein vor der Hütte stattfinden.

 

Anschliessend hiess es Kuchen backen und die ersten Wanderer zu bewirten: Kas und Speckradl für die Brotzeitbrettl richten, Brotlaib um Brotlaib aufschneiden und zwischendurch einen Kaiserschmarrn machen.

 

Gegen 15 Uhr wurde es ruhiger und wir konnten die letzten Sonnenstrahlen auf der Bank hinter der Hütte geniessen. Diese Stunde, bevor der Abwasch losging, war immer eine meiner liebsten. Der Blick auf den nahen Wald, das dunkle Grün, davor das helle Grün der saftigen Almwiesen…

 

Regentage waren ruhiger. Oftmals sassen wir stundenlang in der Stube und lasen Buch um Buch oder waren im Stall, um grössere Holzscheite in kleinere zu spalten. Auch etwas Weidepflege konnten wir an solchen Tagen erledigen. Hemmen und Disteln stachen wir aus, um deren Verbreitung zu verhindern und die Almwiesen frei von diesen Unkräutern zu halten.

 

Vier Geburten und ein Todesfall

 

Im August kamen unsere vier Kälbchen zur Welt. Alles unkomplizierte Geburten, bei denen wir meist erst dazu kamen, als das Kälbchen schon auf der Welt war. Spannender war da schon das Ohrmarken stechen: Die Kälbchen sind unglaublich schnell und die Mutterkuh sehr wachsam.

Ein weniger schönes Erlebnis war der Tod der Kuh Rosi. Eine ältere Dame, die den letzten Sommer auf die Alm mitgehen sollte. Vielleicht hat sie das gespürt. Zumindest ist sie dort gestorben, wo es ihr all die Jahre sehr gut ging.

 

Schnee und Hochwasser

Im September kam der erste Schnee und die frischen Kälbchen mit ihren Müttern mussten in den Stall. Also hiess es täglich ausmisten und Heu füttern. Aber auch das war schön und ich erinnere mich gerne an das heimelige Geräusch der Kühe im Stall nebenan.

Der Schnee ist schnell getaut, was zu Hochwasser im kleinen Keller geführt hat. Doch auch das floss wieder ab und so ging der Almsommer schnell zu Ende.

 

 

Zurück in der Zivilisation

Der erste Tag zurück im Tal ist mir ebenfalls noch sehr gut in Erinnerung. Am lebhaftesten sind mir die vielen Farben im Gedächtnis. Unglaublich bunt und schrill erschien mir der Supermarkt. Schrecklich gehetzt wirkten die Menschen auf mich und dass es keinem schnell genug an der Kasse gehen konnte, war mir unerklärlich.

 

Heute fällt mir immer wieder auf, dass auch ich von kleinen Dingen wie einer zu langsamen Kasse genervt bin. Dass viele Tage von einem gehetzten Müssen geprägt sind. Das muss noch erledigt werden, dann muss ich dort sein, später muss dies und jenes, …

 

So ein Almsommer entschleunigt ungemein. Das Leben ist geprägt vom Wetter, vom Wohlergehen der Kühe, von der Anzahl und Art an Wanderern und kleinen Dingen wie Mäusen im Keller. Nicht immer ist die Zeit für einen ganzen Almsommer da. Aber schon ein Tag oder ein Wochenende in den Bergen tut gut und setzt einen Abstand von hektischem Alltag.

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